Nachhaltig­keit als globale Heraus­forderung

Erdüberlastungstage global und national

Der Erdüberlastungstag (englisch Earth Overshoot Day, zunehmend seltener auch „Ecological Debt Day“, „Welterschöpfungstag“, „Weltüberlastungstag“ oder „Ökoschuldentag“) ist in einer jährlichen Kampagne der Organisation Global Footprint Network der Tag des laufenden Jahres, an dem die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt. Der Erdüberlastungstag ist ein Aktionstag.

Jahr Datum Globaler Verbrauch in Erde-Einheiten / Verbrauch auf Deutschland reproduziert
1961 15. Mai 1962 0,73 (In diesem Jahr ließ die globale Ressourceninanspruchnahme/Jahr noch Reserven übrig)
1970 29. Dezemb. 1,01 (Seitdem übersteigt der Verbrauch/Jahr die global zur Verfügung stehenden Ressourcen)
1971 20. Dezemb. 1,03 Planeten Erde stellten ihre Ressourcen zur Verfügung
1972 10. Dezemb. 1,06
1973 26. Novemb. 1,10
1974 27. Novemb. 1,10
1975 30. Novemb. 1,09
1976 16. Novemb. 1,14
1977 11. Novemb. 1,16
1978 7. Novemb. 1,17
1979 29. Oktober 1,21
1980   4. Novemb. 1,18
1981 11. Novemb. 1,16
1982 15. Novemb. 1,14
1983 14. Novemb. 1,15
1984   6. Novemb. 1,18
1985   4. Novemb. 1,19
1986 30. Oktober 1,20
1987 23. Oktober 1,23
1988 15. Oktober 1,27
1989 11. Oktober 1,29
1990 11. Oktober 1,29
1991 10. Oktober 1,29
1992 12. Oktober 1,28
1993 12. Oktober 1,28
1994 10. Oktober 1,29
1995   4. Oktober 1,32
1996   2. Oktober 1,33
1997 29. Septemb. 1,34
1998 29. Septemb. 1,34
1999 29. Septemb. 1,34
2000 23. Septemb. 1,38
2001 22. Septemb. 1,38
2002 19. Septemb. 1,39
2003   9. Septemb. 1,45
2004   1. Septemb. 1,49
2005 25. August 1,54
2006 19. August 1,58
2007 14. August 1,62
2008 14. August 1,62
2009 18. August 1,59
2010   7. August 1,67
2011   4. August 1,69
2012   4. August 1,69
2013   3. August 1,70
2014   4. August 1,69
2015   5. August 1,68
2016   5. August 1,68
2017   1. August 1,71 / Deutschland 24. April
2018 29. Juli 1,74 / Deutschland 02. Mai
2019 29. Juli 1,74 / Deutschland 03. Mai
2020 22. August 1,56 / Deutschland keine Angabe
2021 29. Juli 1,74 / Deutschland 05. Mai
2022 28. Juli 1,75 / Deutschland 04. Mai
2023   2. August 1,70 / Deutschland 04. Mai
2024   1. August 1,70 / Deutschland 02. Mai
2025 24. Juli          / Deutschland 05. Mai

Quelle: www.wikipedia.org/wiki/Erdüberlastungstag

Internationale und nationale Gedenktage

Januar
11.01. Tag des deutschen Apfels
21.01. Ehrentage der Hörnchen
26.01. Tag der Umweltbildung + Tag der sauberen Energie
29.01. Tag des Blindenhundes
31.01. Zebra-Tag

Februar
02.02. Tag der Feuchtgebiete + Tag des Igels
10.02. Tag der Hülsenfrüchte
12.02. Internationaler Darwin-Tag
13.02. Tag des Wals
15.02. Tag des Regenwurms + Welttag der Schuppentiere

März
03.03. Tag des Artenschutzes
14.03. Erfahre-mehr-über-Schmetterlinge-Tag
20.03. Weltspatzentag
21.03. Tag des Waldes + Welttag der Gletscher
22.03. Weltwassertag + Tag der Robben + Earth Day
28.03. Ehrentag des Unkrauts

April
03.04. Welttag der Wassertiere
07.04. Tag des Bibers
13.04. Tag der Pflanze
22.04. Tag der Erde
23.04. Tag der Streuobstwiese
25.04. Tag des Baumes + Welt-Pinguin-Tag
27.04. Welttag der Möwen
28.04. Rettet-die-Frösche-Tag
30.04. Tag des Wolfes

Mai
02.05. Tag des Thunfischs
08.05. Welttag des Esels
10.05. Weltzugvogeltag I
16.05. Tag der Urzeitkrebse
20.05. Weltbienentag
21.05. Tag der kulturellen Vielfalt
22.05. Tag der Artenvielfalt
23.05. Weltschildkrötentag
24.05. Tag der Parke + Tag der Weinbergschnecke
29.05. Tag der Otter
30.05. Tag der Kartoffel
31.05. Welttag der Papgeien

Juni
01.06. UNESCO-Welterbetag + Weltbauerntag
05.06. Weltumwelttag + Tag gegen illegale Fischerei
08.06. Welttag der Ozeane
09.06. Tag des Gartens
11.06. Tag des Luchses
16.06. Tag der Meersschildkröten
17.06. Tag der Krokodile + Tag gegen Wüstenbildung
21.06. Welttag der Giraffe
22.06. Welttag der Kamele
26.06. Bärengedenktag
29.06. Tag der Tropen

Juli
03.07. Tag der Erdmännchen
06.07. Welttag der ländlichen Entwicklung
16.07. Welttag der Schlange
26.07. Weltmangroventag
28.07. Welttag des Naturschutzes
29.07. Welttag des Tigers
31.07. Welt-Ranger-Tag

August
04.08. Ehrentag der Eulen
08.08. Internationaler Katzentag
09.08. Tag der indigenen Völker
10.08. Tag des Löwen
12.08. Weltelefantentag
14.08. Welttag der Eidechsen
19.08. Tag des Oran-Utans
20.08. Welt-Moskito-Tag
22.08. Tag der Fische

September
14.09. Tag der Tropenwälder
16.09. Tag der Erhaltung der Ozonschicht
21.09. Tag des Geotops
22.09. Welt-Nashorn-Tag
24.09. Welttag des Gorillas
27.09. Tag der Pilze + Tag der Hasen
28.09. Tag der Flüsse

Oktober
01.10. Ehrentag des Waschbären
04.10. Welttierschutztag
07.10. Weltbaumwolltag
08.10. Welttag der Kraken
10.10. Welthundetag
11.10. Weltzugvogeltag II
13.10. Tag zur Verhinderung von Naturkatastrophen
16.10. Welternährungstag
17.10. Tag der Trittsteinbiotope
20.10. Tag des Faultiers
23.10. Tag des Schneeleoparden
31.10. Welt-Lemuren-Tag

November
03.11. Welttag der Quallen
05.11. Tag gegen Umweltausbeutung in Kriegen
09.11. Rettet-die-Kastanien-Tag
24.11. Tag der Sardine
29.11. Welttag des Ameisenbären

Dezember
04.12. Internationaler Gepardentag
05.12. Weltbodentag
07.12. Rettet-die-Haie-Tag
10.12. Tag der Tierrechte
11.12. Tag der Berge
14.12. Tag der Affen

positive Meldung

Was das neue Heizungsgesetz bedeutet – Union und SPD einigen sich in Eckpunktepapier auf Reform des Gebäudeenergiegesetzes

Patrick Lempges 

Quelle: nd DER TAG, 26.02.2026

Die Regierung hat sich auf eine Reform des Heizungsgesetzes geeinigt.

Union und SPD haben sich auf Eckpunkte für eine grundlegende Reform des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) verständigt. Kern der Einigung: Die von der Union kritisierte Pflicht, wonach neu eingebaute Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen, wird gestrichen. Künftig sollen Eigentümer*innen wieder Gas- und Ölheizungen einbauen können.

Die Reform soll nach dem Willen der Koalition bis Ostern vom Kabinett als Gesetzentwurf verabschiedet werden. Am 1. Juli soll das Gesetz in Kraft treten und das bisherige, unter der Ampel-Koalition verabschiedete GEG ablösen. Unionsfraktionschef Jens Spahn sprach von einer Rückkehr zur »Privatsache« im Heizungskeller, SPD-Fraktionschef Matthias Miersch betonte, man halte an den Klimazielen fest.

Bislang galt: In Neubauten – und perspektivisch auch im Bestand nach Abschluss der kommunalen Wärmeplanung – müssen neue Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Praktisch lief das häufig auf den Einbau einer Wärmepumpe oder den Anschluss an ein Wärmenetz hinaus, flankiert von Förderprogrammen und Übergangsfristen.

Diese pauschale Quote entfällt nun. Das neue Gesetz soll »technologieoffen« sein. Neben Wärmepumpe, Fernwärme, Biomasse oder Hybridlösungen dürfen auch neue Gas- und Ölheizungen eingebaut werden. An die Stelle der 65-Prozent-Regel tritt eine sogenannte »Grüngasquote«. Wer sich künftig für eine Gas- oder Ölheizung entscheidet, muss diese schrittweise mit einem wachsenden Anteil klimafreundlicher Brennstoffe betreiben. Ab Januar 2029 soll dieser Anteil mindestens 10 Prozent betragen. Bis 2040 soll er in drei weiteren Stufen steigen. Für den klimafreundlichen Anteil soll kein CO2-Preis anfallen – das soll einen Anreiz schaffen.

Parallel dazu sollen Energieversorger verpflichtet werden, ab 2028 zunächst bis zu einem Prozent »grüne Gase« oder klimafreundliches Heizöl beizumischen. Die Details dieser sogenannten Bio-Treppe sind allerdings noch nicht gesetzlich fixiert.

Die Kritik an den Plänen der Regierung entzündet sich besonders an der gekippten 65-Prozent-Regel. Paula Brandmeyer, stellvertretende Bereichsleiterin Energie und Klimaschutz der Deutschen Umwelthilfe erklärt dazu: »Die 65-Prozent-Anforderung durch einen Beimischungszwang in Form einer Grüngas-/Grünölquote zu ersetzen, ist politischer Unsinn.« Grüne Gase und Kraftstoffe seien zu knapp und wertvoll, um sie in großem Umfang im Wärmesektor einzusetzen. »Die Kosten sind erheblich, während ihr Einsatz in anderen Bereichen, etwa in der Industrie oder in der Stromversorgung, deutlich effizienter ist.«

Die staatliche Förderung für klimafreundliche Heizsysteme, insbesondere Wärmepumpen, soll nach Angaben der Koalition bis mindestens 2029 gesichert bleiben. Wie hoch die Zuschüsse künftig ausfallen und ob Förderbedingungen angepasst werden, ist jedoch noch offen. Erhalten bleibt auch die kommunale Wärmeplanung. Städte mit mehr als 100 000 Einwohner*innen müssen bis Mitte 2026 entsprechende Pläne vorlegen, kleinere Kommunen bis Mitte 2028. Allerdings sollen kleinere Gemeinden entlastet werden, der Planungsaufwand könne sich dort laut Koalition um bis zu 80 Prozent verringern.

Auch die Sprecherin für Wärmepolitik der Linke-Bundestagsfraktion, Violetta Bock, kritisiert die Einschnitte in den Klimaschutz scharf: »Das Papier ist Gift für Arbeitsplätze, Klimaschutz und vor allem für alle Verbraucher in ihrem eigenen Zuhause.« Die Konzepte der Regierung mit »angeblich grünen Brennstoffen« befeuern die bereits bestehenden Krisen in den betroffenen Wirtschaftszweigen, so Bock.

»Die 65-Prozent-Anforderung durch einen Beimischungszwang in Form einer Grüngas-/Grünölquote zu ersetzen, ist politischer Unsinn.«

Paula Brandmeyer Deutsche Umwelthilfe

Die Koalition betont, die Ziele des Klimaschutzgesetzes blieben unverändert. Sollte sich 2030 zeigen, dass der Gebäudesektor seine Vorgaben verfehlt, werde nachgesteuert. Der Sektor gehört seit Jahren zu den Problemfeldern der deutschen Klimapolitik. Kritiker*innen bezweifeln, dass die neue Konstruktion die bisherigen Einsparungen ersetzt. Nach Berechnungen des Öko-Instituts wären mit der 65-Prozent-Vorgabe zwischen 2024 und 2030 rund 30 Millionen Tonnen CO2 eingespart worden, davon allein 10 Millionen Tonnen im Jahr 2030. Die geplante Versorgerquote soll laut Eckpunktepapier lediglich rund 2 Millionen Tonnen einsparen.

Hinzu kommt die Frage der Verfügbarkeit. 2024 lag der Erdgasverbrauch für Raumwärme und Warmwasser laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in deutschen Haushalten bei rund 245 Terawattstunden (TWh). Dem gegenüber steht eine derzeitige Biomethan-Nutzung von etwa 10 TWh. Studien gehen davon aus, dass bis 2030 zwischen 50 und 100 TWh Biomethan bereitgestellt werden könnten – unter der Voraussetzung erheblicher Investitionen, und ohne konkurrierende Bedarfe in Industrie oder Verkehr zu berücksichtigen. Wasserstoff kann zudem nur begrenzt beigemischt werden, ohne Leitungen und Endgeräte umrüsten zu müssen.

Ökonom*innen warnen vor möglichen Mehrbelastungen. DIW-Ökonomin Claudia Kemfert hält Preissteigerungen von bis zu 25 Prozent für möglich. Haushalte könnten demnach mit bis zu 450 Euro Mehrkosten pro Jahr konfrontiert werden. Schon heute verursachen Biogastarife nach Angaben der Regierung bei einem Einfamilienhaus mit 23 000 Kilowattstunden Jahresverbrauch Mehrkosten von bis zu 16 Euro im Monat.

Für Mieter*innen ist die Lage besonders sensibel: Sie entscheiden in der Regel nicht über die Heizungsart, tragen aber über die Nebenkosten steigende Brennstoffpreise und Netzentgelte. Die Koalition verspricht einen Schutz »vor überhöhten Nebenkosten«, konkrete Regelungen dazu fehlen bislang. nd/Mit Agenturen

Quelle: nd DER TAG 26.02.2026

EU gegen Klimakrise schlecht gewappnet

Expertenrat verlangt Einigung auf Strategien
zur Erderwärmung bis 2100

Quelle: nd DER TAG 18.02.2026

Berlin. Steigende Todeszahlen, beeinträchtigte Ökosysteme und wirtschaftliche Schäden: Die Klimakrise beeinflusst Europa immer offensichtlicher. Um sich an die veränderte Situation anzupassen, müssten Maßnahmen innerhalb der Europäischen Union dringend besser koordiniert werden, mahnt der Europäische Wissenschaftliche Beirat für den Klimawandel am Dienstag an. Maßnahmen zur Klimaanpassung sind Strategien, die in Ergänzung zum Klimaschutz die negativen Auswirkungen des Klimawandels mildern sollen.

Konkret schlagen die Expert*innen der EU vor, sich auf einen gemeinsamen Referenzrahmen für die Anpassungsplanung zu einigen. Dieser sollte mit einem Pfad von 2,8 bis 3,3 Grad globaler Erwärmung bis 2100 vereinbar sein.

Angesichts unzureichender weltweiter Fortschritte bei der Emissionsminderung wird das Ziel des Pariser Abkommens von 1,5 Grad zunehmend sicher überschritten. Die globale Durchschnittstemperatur ist inzwischen auf etwa 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau gestiegen. Dem Copernicus Climate Change Service zur Überwachung des Klimawandels zufolge erwärmt sich der Kontinent Europa am schnellsten.

Die steigenden Temperaturen führen zu häufigeren und extremeren Klimaereignissen, wie Hitzewellen, Dürren, Waldbränden, Überschwemmungen und Küstenerosionen. Diese haben Auswirkungen auf alle Regionen Europas. Der Vorsitzende des Beirats, Ottmar Edenhofer, erklärt: »Allein extreme Hitze hat in den vergangenen Jahren zu Zehntausenden vorzeitigen Todesfällen geführt, darunter schätzungsweise 24 000 im Sommer 2025.« Die wirtschaftlichen Schäden an Infrastruktur und Sachwerten belaufen sich im Durchschnitt auf rund 45 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Maßnahmen zur Klimaanpassung können Emissionsminderung nicht ersetzen.

Quelle: nd DER TAG 18.02.2026

Carla Hinrichs: Aus Gegenwind wird Rückenwind

»Meine verletzte Generation«:
Klimaaktivistin Carla Hinrichs klagt an und macht Mut

Quelle: nd DER TAG 18.02.2026

INTERVIEW

Carla Hinrichs, geboren 1997, ist Klimaaktivistin und Autorin. Sie wuchs in Bremen auf und war bereits während ihrer Schulzeit politisch bei Amnesty International aktiv. 2015 begann sie ein Jurastudium, das sie mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Die Dramatik der Klimakrise motivierte sie, sich stärker für den Schutz der Umwelt einzusetzen. Ab 2022 engagierte sie sich bei der Letzten Generation, war in Talkshows zu Gast, sprach auf Podien oder kommentierte vor Ort die Proteste. Diese Woche kommen ihre Erinnerungen in den Buchhandel.

Warum beginnt Ihr Buch so martialisch mit der Erstürmung Ihrer Wohnung durch die Polizei am 23. Mai 2023, bei der Sie am Ende gar in die Mündung einer Waffe blicken?

Dieser Tag schlug eine tiefe Kerbe in meine Biografie und markierte zugleich einen Höhepunkt unseres friedlichen Protestes. An kaum einem anderen Tag entlarvte der deutsche Staat sich deutlicher als an diesem, an dem er eine Waffe auf eine Botin der schlechten Nachricht richtete, statt sich der Nachricht zu stellen. Gleichzeitig zeigte sich die unglaubliche Kraft des friedlichen zivilen Widerstands. Tausende Menschen schlossen sich danach den Protesten der Letzten Generation an und brachten die Klimakrise als Gesprächsthema an jeden Küchentisch.

Wie erklären Sie die Tatsache, dass Ihnen und Ihren Mitstreitern, jungen nachdenklichen Menschen, an diesem Tag die »Bildung einer kriminellen Vereinigung« vorgeworfen wurde?

Schon die Monarchen im 19. Jahrhundert und die Nazis nutzten den Vorwurf der »Bildung einer kriminellen Vereinigung«, um die demokratische Opposition zu unterdrücken. Diese Tradition gegenüber jenen, die eine bessere Welt für alle fordern, wird heute gegenüber jungen Menschen, die sich eine Zukunft wünschen, fortgeführt. Unser Protest hat den Finger in die Wunde gelegt. Jeden Tag haben wir gezeigt, dass die Regierung sich nicht an ihre eigenen Gesetze hält. Es ist ein politisches Problem, mit dem wir den Staat konfrontierten. Doch er war damit so überfordert, dass er versuchte, es juristisch zu lösen. Dass das nicht geht, liegt auf der Hand.

Wie sind Sie zur Letzten Generation gestoßen, was waren Ihre Beweggründe?

Mit Begeisterung für die deutsche Verfassung und Demokratie habe ich Jura studiert. Aber was, wenn die Regierung sich nicht an unsere Verfassung hält und in der Klimakrise das Leben aller Menschen in diesem Land gefährdet? Die Geschichte gibt uns für solche Notsituationen den friedlichen Widerstand an die Hand. Meine Entscheidung, bei der Letzten Generation mitzumachen, war keine leichte, aber ich wollte dabei sein, wenn Menschen versuchen, zu retten, was uns lieb ist.

Warum ist es der Letzten Generation aber letztlich nicht gelungen, die Massen zu mobilisieren?

Das staatliche Versagen in der Klimakrise hat immerhin schon Millionen Menschen auf die Straße gebracht. Doch im Ergebnis wurde ein verfassungswidriges Klimaschutzpaket verabschiedet. Die Menschen aus der Enttäuschung, aus diesem tiefen demokratischen Schmerz wieder herauszuholen, ihre Trauer in Wut umzukehren und daraus Kraft zu schöpfen, gelingt nicht von heute auf morgen. Jeden Tag müssen wir uns darum bemühen. Im Hinblick auf die Zukunft ist dieser Wandel unumgänglich.

Sie standen mehrfach vor Gericht und wurden zu Geldstrafen verurteilt.

Dass ich einmal von einem Gericht verurteilt werden würde, weil ich mich in einer alles und alle bedrohenden Krise auf die Straße gesetzt habe, hätte ich vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Inzwischen weiß ich zu gut, wie es sich anfühlt, wenn gegen einen ein Urteil »im Namen des Volkes« gesprochen wird. Es gibt bisher keine rechtskräftig gewordene Geldstrafe gegen mich, aber ohne die Unterstützung meiner Mitmenschen werde ich, wenn diese eingefordert werden sollte, nicht in der Lage sein, zu zahlen.

Wie gelingt es Ihnen, mit dem mörderischen Druck durch rechte Medien und Politiker auf Sie und Ihre Aktionen umzugehen?

Gegenwind beim Protestieren heißt, dass man etwas richtig macht. Natürlich sind manche Drohungen und Einschüchterungen beängstigend und die Gewalt durch Passant*innen und Polizei, die ich auf der Straße erlebt habe, lässt sich nicht ohne Weiteres verarbeiten. Aber wir können aus Gegenwind auch Rückenwind machen. Das habe ich bereits erlebt, und ich glaube, darin wird in Zukunft viel Kraft liegen.

In der Unterzeile Ihres Buches ist von »Verrat« die Rede. Inwiefern verrät uns der Staat, der doch ein Rechtsstaat ist, oder?

Die wissenschaftlichen Fakten sind bekannt und werden ignoriert. Der Staat verspricht Schutz und schützt uns nicht. Er verfolgt friedlichen Protest mit den härtesten Gesetzen und lässt zu, dass unsere Lebensgrundlagen zerstört werden. Wir können dabei zusehen, wie der Rechtsstaat sich auflöst, nicht mit einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt. Wir müssen genau hinschauen und jeden kleinen Rückschritt abmahnen. Denn zusammengenommen ergibt sich jetzt bereits ein düsteres Bild: Der Rechtsstaat zerbricht.

War die Letzte Generation ohne Fehl und Tadel? Hat nicht auch sie Fehler gemacht?

Die Letzte Generation war ein Versuch: Alles in die Waagschale zu werfen, um alles zu gewinnen. Der Preis ist hoch, den wir dafür bezahlt haben, auf der Straße, in den Gerichtssälen und in den Gefängnissen. Manchmal frage ich mich, ob wir uns noch besser darauf hätten vorbereiten können. Denn niemand sollte mit den Folgen alleine sein. Auch jetzt nicht, da es die Letzte Generation nicht mehr gibt.

Sie wählten bewusst den Weg des gewaltlosen Protests.

Keine Gewalt anwenden zu wollen, ist unser moralisches Gebot. Dahinter steckt auch eine Strategie. Unser Protest richtet sich gegen ein gewaltvolles System. Richtet es seine Gewalt gegen friedlichen Protest, delegitimiert es sich und zwingt die Menschen, sich zu positionieren.

Wäre das Abtauchen im bürgerlichen Wohlfühlkosmos und die Gründung einer Familie für Sie keine Option?

Gibt es diesen Wohlfühlkosmos überhaupt noch? Uns überfluten doch jeden Tag Schreckensnachrichten. Wie sehr muss man seine Augen zukneifen, um darüber hinwegzusehen? Ich persönlich kann das nicht. Nicht nur, weil ich es für falsch halte, das Leid der Welt zu ignorieren und sich wegzuducken, wenn die Geschichte einen braucht, sondern auch, weil ich an der Ohnmacht, angeblich nichts dagegen tun zu können, kaputtgehen würde. Natürlich träume ich an manchen Tagen davon, allem entfliehen zu können, doch nicht zuletzt machen mir das all die Gerichtsprozesse unmöglich.

Was hat es mit dem von Ihnen geforderten Gesellschaftsrat auf sich?

Unser System gleicht immer mehr einer Post-Demokratie. Eine Demokratie darf nicht erstarren, sondern muss sich stets weiterentwickeln, um den Krisen der Zeit begegnen zu können. In repräsentativ ausgelosten Gesellschaftsräten können Entscheidungen unabhängig von Geld und Macht getroffen werden. Sie können abbilden, was die Menschen wirklich wollen, wenn sie zusammenkommen, statt sich immer weiter voneinander zu entfernen, zu trennen.

Was ist die größere Gefahr für den Zusammenhalt der Welt: die Gewitztheit der KI oder die Dummheit von Politikern wie Donald Trump?

Das sind wir – wenn wir reale Bedrohungen als Gewitztheit und Dummheit abtun. Eine angemessene Reaktion auf die Zerstörung der Welt und unseres Gemeinwesens kann nur sein, sich ihr in den Weg zu stellen.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Wild und radikal?

Vielleicht ist »wild und radikal« genau das, was unsere Welt braucht: Radikal die Dinge bei der Wurzel packen und verändern wollen und wild Visionen für unsere Zukunft entwickeln, sich nicht verdummen und einsperren lassen in Zerstörungs-Ideologien. Für beides braucht es Mut. Ich hoffe, dass ich ihn immer wieder finden werde. Im Moment lebt in mir auf jeden Fall noch einiges an Wut und Hoffnung, um den Mut zu schöpfen, mit dem weiterzumachen, was mich bisher anspornte.

Quelle: nd DER TAG 18.02.2026

Bürokratieabbau vor Menschenrechten Regierung will Lieferkettengesetz aufweichen, unter anderem begründet sie das mit sinkender Bürokratie

Bürokratieabbau vor Menschenrechten

Regierung will Lieferkettengesetz aufweichen, unter anderem begründet sie das mit sinken-der Bürokratie

Hermannus Pfeiffer – nd DER TAG, 10.02.2026

Für Anna Weirich ist klar: Das Lieferkettengesetz wirkt sogar direkt vor unserer Haustür. Lkw-Fahrer*innen aus Osteuropa lebten häufig monatelang nur in ihrer Kabine, auf Rastplätzen an der Autobahn und Parkplätzen in Industriegebieten. »In diesem Sektor kommt es – verschleiert durch komplexe Ketten von Subunternehmen – zu massiven Arbeitsrechts-verletzungen«, sagte Weirich während eines Online-Pressegespräches am Montag in Bonn.

Die Koordinatorin des Beratungsnetzwerkes Faire Mobilität des Deutschen Gewerkschaftsbundes betont: Die Fahrer*innen würden systematisch um ihre Löhne betrogen, unter Druck gesetzt oder eingeschüchtert. Das vor drei Jahren in Kraft getretene deutsche Lieferkettengesetz habe jedoch die Möglichkeiten verbessert, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Das Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten, kurz Lieferkettengesetz (LkSG), soll eigentlich den Schutz der Menschenrechte und der Umwelt in globalen Lieferketten verbessern. Es geht freilich nicht darum, überall in der Welt deutsche Sozialstandards durchzusetzen, sondern um die Einhaltung grundlegender Regeln wie das Verbot von Kinderarbeit oder der Verunreinigung von Trinkwasser.

Aus Sicht von Gewerkschaften und Verbänden droht eine Verwässerung des Gesetzes.

Inzwischen gilt das LkSG bereits für Firmen ab 1000 Beschäftigten. Insgesamt erfasst das Gesetz über 5000 Unternehmen, die Hälfte davon sind Niederlassungen von ausländischen Konzernen. Das Lieferkettengesetz ermögliche es, über deutsche Tochtergesell- schaften Druck auf die ausländischen Mutterkonzerne und Zulieferer etwa in der Türkei auszuüben, berichtete Alke Boessiger, stellvertretende Generalsekretärin der Gewerkschaftsföderation Uni Global.

In Westafrika hätten deutsche Unternehmen begonnen, mit lokalen Partnern Maßnahmen gegen »die hochproblematischen Umweltfolgen« des Bauxit-Abbaus auf den Weg zu bringen, ergänzte Finn Schufft, Studienautor und Referent der Entwicklungsorganisation Germanwatch. Auf der Pressekonferenz stellte Schufft eine zusammen mit dem Hilfswerk Misereor verfasste 16-seitige Studie über die Wirkung des LkSG vor. Dafür wurden zwei Dutzend Expert*innen aus Gewerkschaften, Verbänden und Unternehmen interviewt, die mit dem Lieferkettengesetz arbeiten.

Anlass ist die von der schwarz-roten Bundesregierung geplante Novelle des LkSG, die gerade im Bundestag verhandelt wird. Im Koalitionsvertrag war eine bürokratiearme und praxisnahe Reform angekündigt worden. Aus Sicht von Gewerkschaften und Verbänden droht nun jedoch eine Verwässerung des Gesetzes. Mit ihrer Novelle will die Bundesregierung unter anderem Sanktionen streichen und sich den »weicheren« EU-Regeln anpassen. »Die Präventivwirkung des Gesetzes würde massiv geschwächt – und Menschenrechtsverletzungen würden wahrscheinlicher«, warnt Armin Paasch, Referent für Verantwortliches Wirtschaften bei Misereor.

Nach der ersten Lesung im Bundestag hatten 17 Wirtschaftsverbände sogar gefordert, das LkSG vollständig auszusetzen. Die bislang vorgesehenen Änderungen reichten nicht aus, um Unternehmen spürbar zu entlasten. Das Lieferkettengesetz sei ein Bürokratiemonster. Sollte das LkSG nicht ausgesetzt werden, sollte zumindest der nationale Anwendungsbereich unverzüglich an den der europäischen Lieferkettenrichtlinie angepasst werden. Diese erfasst nur noch sehr große Konzerne. Damit würden allerdings 95 Prozent aller Unternehmen, für die heute noch das deutsche Lieferkettengesetz gilt, aus der Regelung herausfallen, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Partei Die Linke.

Quelle: nd DER TAG, 10.02.2026

Mit grüner Energie in die Dürre In den argentinischen Anden sollen Rohstoffe für die Energiewende abgebaut werden – mit womöglich gravierenden Folgen für Wasser und Umwelt

Mit grüner Energie in die Dürre

In den argentinischen Anden sollen Rohstoffe für die Energiewende abgebaut werden – mit womöglich gravierenden Folgen für Wasser und Umwelt

Quelle: nd DER TAG 05.02.2026

Wenn Anwältin Alejandra Pariani aus dem Fenster blickt, sieht sie den Tambillos-Gletscher. Die 44-Jährige lebt allein in einem abgelegenen Lehmhaus, 14 Kilometer von der Kleinstadt Uspallata entfernt, in der argentinischen Provinz Mendoza. Gesellschaft leisten ihr sieben Hunde und sechs Katzen. Nachbarn hat sie keine – nur karge Steinlandschaft und hohe Berge wie den Aconcagua, mit 6961 Metern der höchste Amerikas. »Ich lebe im Paradies«, sagt Pariani.

Das Schmelzwasser der Andengletscher fließt durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem ins Tal. Es versorgt rund 1,5 Millionen Menschen und 250 000 Hektar Land mit Wasser. Schon vor mehr als 500 Jahren machten indigene Huarpe und Inka die Halbwüste mit diesen Lebensadern bewohnbar und fruchtbar. Heute ist die Region das Zentrum der argentinischen Weinproduktion: Pflanzen gedeihen in Oasen mitten in der Trockenheit. »Mendoza existiert nur wegen des Wassers«, sagt Pariani. Doch sie fürchtet um ihr Paradies. Neben dem Klimawandel bedrohe vor allem der Hunger des Weltmarkts nach Rohstoffen das sensible Ökosystem.

In den Steinformationen der Anden lagern nach Schätzungen der US-Handelsverwaltung rund 30 bis 35 Prozent der weltweiten Kupfervorkommen. Peru und Chile decken bereits fast 40 Prozent des globalen Bedarfs – nun richten internationale Investoren ihren Blick auf die bislang unerschlossenen Reserven Argentiniens.

Kupfer erlebt derzeit ein weltwirtschaftliches Momentum. Laut Rohstoffanalyst*innen soll die Nachfrage bis 2040 um rund 70 Prozent steigen. Als guter Stromleiter, leicht formbar und recycelbar, gilt das Metall als unverzichtbar für erneuerbare Energien – von Wind- und Solaranlagen bis zu Elektrofahrzeugen. Doch der Abbau hat Nebenwirkungen. Er zählt zu den umstrittensten Schattenseiten der grünen Energiewende.

Viele Bürger*innen wollen jedoch keinen Bergbau an den Quellen ihres Wassers. In Mendoza formiert sich der Widerstand seit den 1990er Jahren – immer wieder mit Erfolg. 2007 erkämpfte die Zivilgesellschaft das Umweltgesetz 7722, das zum Schutz der Wasserressourcen den Einsatz giftiger Substanzen wie Zyanid, Quecksilber und Schwefelsäure im Metallbergbau verbietet. Gegner*innen großer Minenprojekte nennen es den »Hüter des Wassers«. Als die Regierung das Gesetz 2019 aufweichen wollte, gingen mehr als 50 000 Menschen auf die Straße. Tagelange Proteste, begleitet von massiver Polizeirepression, zwangen sie schließlich zum Rückzug.

Aufweichung des Umweltgesetzes

Wenn Pariani heute von den Protesten im Jahr 2019 erzählt, stehen ihr Tränen in den Augen. »Es waren zehn Tage Kampf, die das Gesetz 7722 gerettet haben«, sagt sie. Doch der Erfolg war nicht von Dauer. 2021 kassierte der Oberste Gerichtshof einen entscheidenden Passus des Umweltgesetzes: Gestrichen wurde der Zusatz, der neben ausdrücklich genannten Chemikalien auch »ähnliche toxische Substanzen« verboten hatte.

Die Streichung öffnet heute den Weg für Bergbauprojekte, die mit anderen giftigen Stoffen arbeiten. Dazu zählen etwa Xanthate – chemische Verbindungen, die im Bergbau als sogenannte Sammler eingesetzt werden. Bei der Flotation von Sulfiderzen helfen sie, wertvolle Minerale vom tauben Gestein zu trennen. Xanthate sind effektiv, aber hochtoxisch für Wasserorganismen. Trotz ihrer angeblichen biologischen Abbaubarkeit können sie nahegelegene Gewässer kontaminieren – besonders in sensiblen Hochgebirgsregionen wie den Anden.

Nahe Uspallata, dem Wohnort von Pariani, könnte dieses Schlupfloch nun erstmals praktische Folgen haben. Seit Jahren wird über ein Bergbauprojekt gestritten, das nun näher rückt. Im Dezember 2025 genehmigte das Provinzparlament von Mendoza die Umweltprüfung des San-Jorge-Projekts.

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Die Betreiberfirma PSJ Cobre Mendocino – ein Joint Venture der Schweizer Zonda Metals GmbH und der argentinischen Grupo Alberdi – plant, bei der Kupferextraktion neben Xanthaten auch das moderat toxische Methylisobutylcarbinol (MIBC) einzusetzen. Das Unternehmen betont jedoch: »Keines dieser Reagenzien ist nach Gesetz 7722 verboten. Ihre Verwendung erfolgt kontrolliert, in einem geschlossenen Kreislaufsystem mit hohem Wasseraustausch und unter ständiger Überwachung durch die Kontrollbehörden.«

Jährlich sollen in San Jorge 40 000 Tonnen Kupfer und zusätzlich 40 000 Unzen Gold als Nebenprodukt gefördert werden. PSJ wirbt mit dem Slogan »Bergbau für nachhaltige Entwicklung« – für Pariani ist das blanker Hohn. Neben den eingesetzten Chemikalien werde durch die für den Kupferabbau nötigen Sprengungen Arsen aus dem Gestein freigesetzt, warnt sie. Einmal in Umlauf gebracht, würden sich die Schadstoffe im gesamten Tal verteilen. »Es ist Wasser«, sagt Pariani. »Natürlich fließt die Verschmutzung von oben nach unten.« Hinzu komme der enorme Wasserverbrauch: Rund zwölf Millionen Liter Süßwasser pro Tag – trotz des von den Betreibern beschworenen Kreislaufsystems – seien im trockenen Mendoza ein Skandal.

Die Umweltbewegung in der Provinz Mendoza protestiert in Uspallata gegen das Bergbauprojekt San Jorge der Betreiberfirma PSJ Cobre Mendocino.

Foto: Laura May

Seit der genehmigten Umweltprüfung im Dezember mobilisiert die Anwältin erneut gegen das Projekt San Jorge. Nach wochenlangem Protestcamp am Westufer des Tunuyán-Flusses, am Fuß der Anden, macht sie sich am 17. Januar gemeinsam mit Tausenden anderen auf den Weg zurück nach Uspallata – zum »Marsch des Wassers«. Die Demonstration wirkt surreal. Uspallata ist ein karges, verschlafenes Bergdorf. Im Alltag sind die Frachtlaster auf dem Weg nach Chile der größte Unruhefaktor.

An diesem Tag schiebt sich eine endlos scheinende Karawane hupender Autos den Berg hinauf. Menschen aus dem ganzen Tal kommen zusammen, ihre Ankunft wird von einer jubelnden Menge empfangen. In den Windschutzscheiben kleben selbstgebastelte Wassertropfen, auf den Schildern stehen Slogans wie »Nein zum Megabergbau«, »Gesetz 7722« oder »Raus San Jorge«.

Der Protest ist kein spontaner Aufschrei, sondern das Ergebnis jahrelanger Organisierung. Alte Frauen im Rollstuhl, Kinder, Indigene, Eingewanderte, Bauern und Intellektuelle stehen nebeneinander. Sie alle sind entschlossen, das Projekt zu verhindern und Mendozas Wasser zu schützen – so wie sie es schon einmal geschafft haben. »In Uspallata wird es keinen Megabergbau geben«, sagt Pariani. Das Volk verteidige sein Wasser und sein Leben. Und das Recht auf Leben stehe in der argentinischen Verfassung.

»Das mit der Arbeit und dem Wohlstand ist eine Lüge.«

Alejandra Pariani Rechtsanwältin

Für Eber Abarca aus Uspallata sind die Teilnehmer*innen des Protestmarschs ein unrealistischer Haufen aus Linken und radikalen Kirchneristen. »Niemand will hier das Wasser verschmutzen«, sagt er. Der 42-Jährige ist in Armut aufgewachsen und hofft auf eine bessere Zukunft für sich und seine Heimatstadt.

Das San-Jorge-Projekt von PSJ stehe für Fortschritt und Infrastruktur: Gasanschluss, neue Straßen, höhere Gehälter. Die Betreiberfirma habe ihm bereits eine Fortbildung in Bergbaulogistik finanziert, aktuell absolviere er einen Schweißkurs – ebenfalls gesponsert vom Unternehmen. Es sei klar, dass ein kapitalistisches Unternehmen Gewinne machen wolle, sagt Abarca. Doch selbst ein bis drei Prozent der Erlöse, die laut Schätzungen in der Region bleiben sollen, seien ein Fortschritt. Die Umweltprüfung sei wasserdicht, die Mobilisierungen dagegen rein politisch motiviert.

Für ihn ist der Bergbau ein ideologischer Kampf, in dem er klar Position bezieht. »Ich bin rechts, nicht Mitte«, sagt er, schimpft über Solidarität mit Palästina und äußert seine Bewunderung für Deutschland, das Militär und das Christentum.

Abarca sagt, nur weil eine Region reich an Ressourcen sei, bedeute das noch lange keinen Wohlstand. Natürlich wollten die Konzerne vor allem die Metalle, die am Ende in den Produkten industrialisierter Länder landeten. Aber: »Ihr habt die Umwelt zerstört – und jetzt fordert ihr vom Globalen Süden, von Argentinien, uns nicht zu entwickeln?« Er träumt davon, dass das Bergbauunternehmen die Bahn zurück in die Region bringt. »Nicht weil die Investoren gute Menschen sind«, sagt er, »sondern weil sie sie brauchen.«

Armut und Krater in der Landschaft

PSJ selbst betont, das Projekt bringe Innovation, Infrastruktur und gut bezahlte Arbeitsplätze für die gesamte Region. Zudem setze die Kooperation Programme zur sozialen Entwicklung der lokalen Gemeinschaften um. Gegner*innen halten dagegen, ein Blick in die Nachbarprovinzen San Juan und Catamarca zeige, dass solche Megaprojekte die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung keineswegs verbesserten. »Das mit der Arbeit und dem Wohlstand ist eine Lüge«, sagt Pariani. Zurück blieben riesige Krater in der Berglandschaft, Armut – und Krankheiten unter der Bevölkerung.

»Fortschrittsverweigerer«, sagt Abarca. Der Kapitalismus habe zwar schlechte Seiten, räumt er ein. Doch der Kommunismus – und für ihn ist das alles jenseits des freien Marktes – lasse am Ende alle verarmen. Der libertäre Präsident Javier Milei mache seiner Ansicht nach vieles richtig. »Ich glaube an Mileis Projekt. Er will dieses Land wieder produktiv machen.« Produktivität bedeutet für den selbsternannten Anarchokapitalisten vor allem Freiheit für Großinvestoren. Milei hat bereits weitreichende steuerliche und rechtliche Erleichterungen durchgesetzt. Unter besonderem Druck steht der Umweltschutz, denn Milei leugnet den menschengemachten Klimawandel.

Konkret bedroht ist derzeit das seit 2010 bestehende Gletscherschutzgesetz, das Bergbau in Gletscher- und Permafrostgebieten untersagt. Am 11. Februar soll über eine Reform abgestimmt werden. Umweltorganisationen wie Greenpeace warnen, die argentinischen Gletscher seien als strategische Wasserspeicher und Lebensräume von zentraler Bedeutung – auch für das globale Klima. Das San-Jorge-Projekt wäre von einer Reform nicht betroffen, da es außerhalb periglazialer Zonen liegt. Doch andere Großinvestoren stehen bereits bereit, um sich Kupfer aus Mileis neuem Ressourcenparadies zu sichern.

Quelle: nd DER TAG 05.02.2026